Klassisch – Ein Zweiteiler zur Unterschicht

von Mario

Teil 1: Bildung für alle?

Die letzten Reste der großen Wirtschaftswunderflut, sie ziehen sich zurück. Und je weiter der Pegelstand im Binnenozean Wohlfahrtsstaat sinkt, desto mehr Relikte aus längst vergangen und überwunden geglaubten Zeiten tauchen auf, eklig schleimige Ideologien wie „der Faschismus“ und rostige Begriffe wie „Unterschicht“ lugen da aus dem Schlick in dem die Reste des sozialen Netzes langsam trocknen.

Wenn aber eines dieser Relikte Thema in den Medien wird, kann man sich sicher sein, bald eine ganz andere Flut, eine wütende Sturmflut, eine „Welle der Empörung“ zu erleben. War es vor einigen Wochen noch die Empörung über die Erfolge und den Vormarsch der Rechte im Osten Deutschlands, so ist es nun, seit gut zwei Wochen, eine (noch unveröffentlichte mittlerweile wohl veröffentlichte) Studie der Friedrich Ebert Stiftung, die die Wogen hochschlagen lässt. Diese Studie spricht von einem „abgehängten Präkariat“, einige Politiker von einer „neuen Unterschicht“. Außerdem sprechen die Politiker noch über „Schuld“, „Schuldzuweisungen“ und darüber ob sie sich „Begriffe zu Eigen machen“ oder eben nicht. Viel Wind um nichts, denn ob man diese Gruppe am unteren Ende der gesellschaftlichen Wohlstandsskala nun in der leicht angestaubten Tradition sozialistischer Grabenkämpfe als „Unterschicht“ oder in gerade en voguer Facon als „abgehängtes Präkariat“ bezeichnet ist sekundär. Der Punkt ist: Es gibt eine gesellschaftliche Gruppe in Deutschland, die für sich keine Chance zum Wiedereinstieg beziehungsweise Wiederaufstieg in der Gesellschaft mehr sieht.

Ein Grund hierfür könnte Bildung sein, genauer das deutsche Bildungssystem und seine systembedingte Neigung gesellschaftliche Ungleichheiten noch zu verstärken. Denn, beruflicher Erfolg – oder die Chance hierauf – und der damit verbundene gesellschaftliche Aufstieg in Deutschland hängt, wie auch in allen anderen modernen Industrie- und Dienstleistungsgesellschaften, vor allem von einem Kriterium ab: Bildung. Und, der Grad der erreichten Bildung wiederrum wird in Deutschland in hohem Maße von der gesellschaftlichen Position der Eltern bestimmt. Wenn aber, Wohlstand von Bildung und Bildung von Wohlstand abhängt, dann haben die die beides nicht besitzen auch kaum eine Chance es zu erlangen und damit aufzusteigen. Die Kinder besser gestellter Eltern haben doppelte Vorteile: Ihre Eltern haben (meist) einen höheren Bildungsstandard mit dem sie ihr Kind unterstützen und fördern können. Und ihre Eltern können es sich, auf Grund ihres höheren Einkommens (das sie wiederum erhalten weil sie einen höheren Bildungsgrad haben), leisten für die Förderung ihrer Kinder zu bezahlen, wenn dieser einmal nicht mehr ausreichen sollte. Der Staat tut nichts, um diese Ungerechtigkeit auszugleichen, er fördert „Eliten“ wo die Förderung der breiten Masse und eine ganz besondere Förderung der Schwachen nötig wäre. Die Kinder „sozial Schwacher“ haben wenig Chancen, sie machen nur unterdurchschnittlichen oder keinen Abschluss, bekommen keine Lehrstelle oder werden nach Beendigung der Lehre, während der sie eine billige Arbeitskraft darstellen gekündigt. Um fortan in endlosen Umschulungs- und Weiterbildungsmaßnahmen verwaltet zu werden.

So wird Unterschichtsdasein zur Generationenerfahrung. Vielleicht sollte die Gesellschaft, statt von neuen Eliten zu träumen, der Unterschicht eine reelle Chance einräumen sich wieder zu integrieren, bevor sie sich ganz aus ihr verabschiedet.

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